Dec. 4, 2015

How are you?

Mit der höflichen Begrüßungsfloskel habe ich mich auch sehr bald nach meiner Ankunft in den USA auseinandergesetzt.

How are you? (vom 29.9.2010)

Die Beziehung zwischen mir und “How are you?” muss man ehrlicherweise als schwierig bezeichnen. Vielleicht sogar als Hassliebe. Es ist ein Auf und Ab. „How are you?“ und ich machen eine Entwicklung durch. Vor allem seit wir mehr miteinander zu tun haben. Also eben seit dem 30.12.2009. Ich kann „How are you?“ nicht aus dem Weg gehen. Das ist ausgeschlossen. Also muss ich mich damit auseinandersetzen. Anfangs habe ich die drei Wörter nicht sehr beachtet. Ich war mit anderen Dingen beschäftigt.

Aber dann bekam ich den Satz so oft zu hören, dass ich nicht mehr anders konnte. Vertriebsleute am Telefon – egal ob Frischfleich, Alarmanlagen oder Zeitungsabos – leiteten das Verkaufsgespräch ebenso ein mit „How are you?“ wie die Kassiererin im Supermarkt den Scan- und Bezahlvorgang. Er fing an, mir auf die Nerven zu gehen. Obwohl ich wusste, dass das zur Begrüßung dazugehört. Es interessiert die Leute doch nicht wirklich, wie es mir geht. Oder? Und wie sehr interessiert es mich, wie es dem Aboverkäufer heute geht? Ehrlich? Eigentlich nicht so stark.

Aber dann beschloss ich, mal zu überlegen, was das veränderte, wenn ich die Frage ganz bewusst beantwortete und stellte. Und fand Gefallen daran. Es hat sowas Affirmatives, laut auszusprechen, dass es einem gut geht. Eine negative, möglicherweise ehrlichere Antwort ist in dem Ritual nicht vorgesehen. Und ein Ritual ist es ja. Eine ausführliche Antwort wird auch nicht erwartet. Nur unter Freunden. Aber auch da kommt man nicht schon am Anfang der Begegnung zum Punkt und zu dem, was einen beschäftigt und wie es einem wirklich geht.

Beim Wandern im Urlaub versuchte ich, mit ganz besonderer Überzeugung den entgegenkommenden Wanderern zu sagen, dass es mir gut gehe. Und fühlte mich danach noch besser. Und ich fing an, das einfach als freundlichen Wortwechsel zwischen höflichen Menschen zu betrachten, mit einer eben sehr positiven Note. Und entdeckte, dass er es leichter macht, mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Einfach weil man ja schon ein paar freundliche Worte gewechselt hat.

Das Frage- und Antwortspiel „How are you? Fine, thanks. How are you?“ wegzulassen ist auf keine Option. Definitiv nicht. Das wäre echt unhöflich. Ehrlich gesagt, manchmal mache ich das. Aber nur am Telefon. Und nur wenn zum dritten Mal ein Vertriebler der gleichen Versicherung anruft. Da fehlt mir dann einfach die Geduld.

Übrigens ist es nicht typisch deutsch, sich mit so „How are you?“ auseinanderzusetzen. Man könnte ja meinen, den Amerikanern ist das schnurz, die werden damit groß und reflektieren das nicht. Aber weit gefehlt. Vor einiger Zeit habe ich einen Kommentar in einer Tageszeitung gelesen, ich glaube es war die New York Times, der eben genau das tat. Reflektieren über Sinn und Unsinn der Frage, die jede Begegnung zwischen Menschen einleitet.

Die Beziehung zwischen „How are you?“ und mir ist im Moment recht entspannt, ja positiv. Ich bin immer noch in der Phase des bewussten Fragens und Beantwortens. Vielleicht bleibe ich ja dabei. Dann ist das wohl der Anfang einer Freundschaft. Zwischen „How are you?“ und mir.

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